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PflanzenPalaver. Belauschte Geheimnisse der botanischen Welt

Von Florianne Koechlin

256 Seiten mit Farbfotos, gebunden, mit Schutzumschlag

Fr. 34.80
Lenos Verlag

Lenos Pocket 126
XVI, 237 Seiten, broschiert
mit 23 Schwarzweiss-
abbildungen und
21 Farbtafeln
€ 14.80, sFr. 24.80
ISBN 978 3 85787 726 1

 

Vorwort zu "PflanzenPalaver"

Florianne Koechlin

Pflanzen, Tiere und Menschen haben die gleichen Wurzeln: die fast drei Milliarden Jahre dauernde Evolution als einzellige Lebewesen. Nur so ist verständlich, dass Pflanzen uns auf der Zellebene viel ähnlicher sind, als wir je geahnt hatten. Sie kommunizieren miteinander via Duftstoffe, lernen aus Erfahrungen und können sich erinnern. Sie haben ein Immunsystem. Ihre Wurzeln können zwischen Selbst und Nicht-Selbst unterscheiden.

Mich hat diese phantastische Welt der Pflanzen in den Bann gezogen. Ich habe mich deshalb auf die Reise gemacht zu denjenigen, die ihrem Geheimnis etwas näherzukommen versuchen.

Ich traf einen österreichischen Bauern, der in über 1300 Metern Höhe Kiwis zum Reifen bringt und einen hochproduktiven essbaren Paradiesgarten betreibt, ohne ein Gramm Agrochemie und Kunstdünger. In Südindien besuchte ich Kleinbauern und -bäuerinnen, die in ihren vielfältigsten Homegardens beeindruckende Hektarerträge erwirtschaften. Mir hat imponiert, wie diese Praktiker geschickt genaues Beobachten, kreatives Experimentieren und Rückgriff auf altes Wissen kombinieren.

In einer völlig anderen Welt leben die Forschenden in den Universitätslabors, die nach den Normen des anerkannten Wissenschaftsbetriebes Pflanzenhormone analysieren und mit Blattfressrobotern Versuchsreihen durchführen, um die frappanten Sprachfähigkeiten der Pflanzen zu ergründen. Von der Limabohne kennen sie inzwischen über hundert Duftstoffvokabeln. Ich besuchte Forscher, die bei Pflanzen nervenähnliche Strukturen orten, und eine Wissenschaftlerin, die mobile Pflanzen-Gene untersucht. Pflanzen, sagte sie, könnten Stresserfahrungen an ihre Nachkommen vererben. Seit dem Erscheinen meines Buches Zellgeflüster ist unglaublich viel Neues entdeckt worden. Pflanzen sind keine Automaten, die ihr Verhalten nach eingebautem Programm abspulen.

Die nüchterne Forscherprosa über elektrische Potentiale, Pilzkolonien in Wurzelstöcken und stressbedingte genetische Veränderungen klingt wie ein moderner Widerhall mancher Denkmodelle, die indische Philosophen seit Jahrtausenden entwickelt haben. Welche Rolle spielten dabei die Pflanzen? Ein ehemaliger Dozent in indischer Philosophie zeigte mir Texte auf verwitterten, tabakbraunen Palmblättermanuskripten, die zwar viele Hundert Jahre alt sind, aber hochaktuell tönen. Später erkundigte ich mich, wie es der Pflanze in unserer abendländischen Kultur- und Philosophiegeschichte ergangen ist. Die Unterschiede könnten grösser nicht sein!

Und nicht zuletzt war ich bei den intuitiv Wissenden, bei Leuten also, die sich auf Pflanzen einlassen, deren Energien aufnehmen oder bewegte Bilder sehen. So wollen sie die Vitalität von Pflanzen erfassen. Mit einer Malerin unterhielt ich mich über die Frage, ob nicht auch die Kunst ganz andere Zugänge zum wundersamen Wesen der Pflanze eröffnen kann.

Das wirklich Faszinierende an meiner Reise zu diesen unterschiedlichen Gruppen von Menschen war die immer stärker werdende Erkenntnis, dass hier ein neues, sehr viel komplexeres Bild der Pflanzenwelt aus den verschiedensten Richtungen zusammenwächst.

Nach dieser Reise stieg in mir die Frage auf, warum denn Pflanzen in unserer Gesellschaft so anders bewertet werden als Tiere. Zumindest »höhere« Tiere sind keine Sachen mehr. Sie haben gewisse Rechte. Es gibt Vorschriften über artgerechte Tierhaltung.

Die Frage bleibt, ob nicht auch Pflanzen mehr Respekt verdienen und ob nicht auch sie Rechte haben sollten.




Einführung

anlässlich des Vortrags mit Lesung in der Buchhandlung Stauffacher Bern, am 13. Oktober 2008

Beat Sitter-Liver
bsl39@gmx.net

Ich freue mich richtig darüber, dass ich ein paar Worte zur Einführung von Florianne Koechlins Vortrag zu ihrem "PflanzenPalaver" sagen darf. Wir kennen uns über lange Jahre, arbeiten zusammen in der Eidgenössischen Ethikkommission für Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH), seit deren Bestehen. Es fällt mir darum leicht, Florianne im Folgenden einfach mit ihrem Vornamen anzusprechen.

Florianne legt uns ein engagiertes, von ständigem Suchen geprägtes Buch vor. Ein spannendes Werk, gespickt mit Neuigkeiten. Ein Buch, geschrieben in einnehmender, zuweilen überwältigender Offenheit, mit ungeschützten Positionen und Erörterungen, so wie die Autorin eben denkt und lebt. Es ist ganz der Sache und den Fragen gewidmet, die sie umtreiben; es ist getragen von Respekt und von Zurückhaltung gegenüber den Gegenständen – nein, den Mitwesen, denen sie sich zuwendet; um sie zu verstehen und zu bewundern, nicht um sie zu beherrschen und auszunützen.

In ihrem Forschen und Erwägen setzt Florianne sich aus, ungeschminkt, lässt ganz selbstverständlich zu, dass wir durch ihr Thema ihr selber begegnen. Sie nimmt uns mit auf ein frohes Abenteuer, das immer zugleich nachdenklich stimmt. Es wirft uns, setzen wir uns ihm so offen aus wie die Schreibende, auf uns selber zurück, nötigt uns zur Gewissenserforschung.

Auf ihrer Forschungsreise ins Wesen der Pflanze – darum handelt es sich im Palaver – führt uns Florianne beispielhaft vor Augen, welchen methodologischen Forderungen solch eine Reise genügen muss. Wahrheit überhaupt ist ein Ziel, auf das man nur dann mit Aussicht auf (stets nur vorläufigen) Erfolg zusteuert, wenn man viele und unterschiedliche Wege begeht. Wer das, was die Pflanze als sie selber ist, auf nur einem Pfad ergründen zu können glaubt – sei es etwa der Pfad der Naturwissenschaften oder jener der Esoterik - , bleibt im dunkeln Sumpf von Dogmen stecken. Er oder sie weitet keine Horizonte aus, arbeitet nicht an einem Geheimnis, sondern verschliesst sich und jene, die folgen, in einem Bunker.

Das Gegenteil leistet Florianne in ihrem Buch. Sie gibt nie vor zu wissen, wo bescheidenes Fragen und kritisches Nachfragen am Platze sind. Ihre Forschungsreise führt durch Interviews, durch das Hin und Her im Gespräch, über Auswertung aller Art von Literatur und eifriges Nachschlagen in natur- und kulturwissenschaftlichen Büchern; sie erstreckt sich auf unterschiedliche Länder und in allerlei Gefilde; sie besucht Forschungslabors, die sich allesamt dem Ethos wissenschaftlicher Forschung verschrieben haben, jedoch durch unterschiedliche Grundhaltungen den Pflanzen gegenüber geprägt sind; Orte auch, in denen man biologisch-dynamischen Landbau pflegt; sie springt über die Esoterikfalle hinweg, verweilt bei Werken der bildenden Kunst und in deren umsichtigen Interpretation; sie zieht uns in philosophische und zugleich biologische Erörterungen hinein - um bei diesen Beispielen zu bleiben. Besonders wichtig und fruchtbar ist, dass Florianne auf ihrer Reise für uns Türen zu nicht abendländischen Kulturen und in deren geschichtliche Tiefe aufstosst.

Erregend gestaltet sich die Reise, nicht selten atemraubend. Sie ist ein Stück bester Aufklärung, gerade in der Kritik manifester, beileibe nicht bloss wissenschaftlicher Verengungen. Das "PflanzenPalaver" bewährt sich als nicht nur, doch insbesondere in unseren Breiten dringliche Kulturkritik.

Immer wieder stossen wir im Buch auf Stellen, in denen die Autorin sich selber befragt. Die Reise verändert sie. Sie schliesst mit einer für sie unerwarteten Einsicht: dass sie jene Erfahrung, in der sie den Pflanzen am nächsten gekommen ist, der Kunst verdankt. Den Werken anderer, die sie zum Sprechen bringt, doch auch eigenem Gestalten, von dem sie allerdings nur wenig preisgibt. Auf dem Buchumschlag gewährt sie uns einen scheuen Blick. Ich möchte diesen zum Schluss mit ein paar weiteren Hinweisen zur Person unserer Autorin und zu ihrem aktuellen Wirken ergänzen:

Florianne hat in ihrem Leben nicht nur viel Staub aufgewirbelt, insbesondere als acharnierte Kritikerin des gentechnischen Abenteuers; sie hat auch viele andere nachdenklich gestimmt, zum komplexen Denken bewegt. Immer wieder hat sie aber auch zu freudigen Festen eingeladen. Als wir vom Bundesrat in die EKAH berufen wurden, zählte sie 50 Jahre; jetzt feiert sie einen weiteren grossen Geburtstag. Sie ist Biologin und Chemikerin, an der Quantenphysik und an der Theorie sich selbst organisierender Systeme, die sich mit der Evolutionstheorie verbindet, interessiert; seit je ist sie politisch wach und engagiert. Eine Berggängerin, die nicht nur metaphorische Gipfel bezwingt. Zur Gründung der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Gentechnologie trug sie massgeblich bei. Sie sitzt in den Stiftungsräten von Swissaid und der Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Doch all das sind nur Tupfer in einem bunteren und halt auch hintergründigen Bild.

Von ihrer Offenheit war die Rede, nicht schon von ihrer Neugier. Sie sucht sie auf ganz unterschiedlichen Wegen zu befriedigen, im besten Sinne inter- und transdisziplinär und, wie angetönt, immer auch im Verkehr mit anderen als europäischen Kulturen. Neugier bewegt sie, sich eingeschworenen und von einseitigen Interessen getriebenen Paradigmen oft heftig entgegen zu stellen – nicht um diese in ihren – begrenzten – Einsichten und Leistungen herab zu mindern, sondern um sie in einem umgreifenden Rahmen zu verorten – in einen Rahmen, welcher erst ihnen ihre wahre und dann auch tiefere Bedeutung vermittelt.

Mich dünkt, der Antrieb dieser Neugier finde sich in Floriannes Wunsch, ihre Mitwelt in deren unermesslichem Reichtum zu allererst zu betrachten, wertzuschätzen, aber auch zu geniessen. Dies in einem nie abschliessbaren Prozess, der in einer Grundhaltung wurzelt, aus der wir Mitdaseienden achtungsvoll begegnen, ohne allerdings auf die existenznotwendige und der Selbstvervollkommnung dienende Nutzung dieser Mitwelt zu verzichten. Das führt auch zur Erfahrung von sonst übersehener Gleichheit – etwa der Gleichheit aller Lebewesen in ihrer Entwicklung aus ein und derselben, über drei Milliarden Jahre laufenden Evolution der Einzeller; es gewährt Einblick in unsere fundamentale Abhängigkeit von nichthumanen Lebewesen. Wie von selbst ergibt sich hieraus die Aufforderung, ja die Notwendigkeit, unser Dasein inmitten unserer Mitwelt nach der Idee der Gerechtigkeit zu gestalten. Und sie erschliesst uns die Bedeutung jener Sätze, mit denen Florianne ihr Vorwort schliesst:

«Nach meiner Reise "stieg in mir die Frage auf, warum denn Pflanzen in unserer Gesellschaft so anders bewertet werden als Tiere. Zumindest «höhere» Tiere sind keine Sachen mehr. Sie haben gewisse Rechte. Es gibt Vorschriften über artgerechte Tierhaltung. Die Frage bleibt, ob nicht auch Pflanzen mehr Respekt verdienen und ob nicht auch sie Rechte haben sollen.»

Damit landen wir erneut bei der Praxis. Mit Überlegungen gibt sich Florianne zwar gerne ab; noch lieber will sie in der Gesellschaft umsetzen, was ihr als richtig und nötig erscheint. Während gut zwei Jahren hatte sie eine Gruppe von Leuten mit unterschiedlicher wissenschaftlicher und beruflicher Herkunft um sich geschart, um mit ihnen nach dem moralisch richtigen Verhalten von Menschen gegenüber Pflanzen zu suchen. Die recht harten und kontroversen Diskussionen führten schliesslich zu einer Reihe von Thesen unter dem Leitwort "Pfanzen neu entdecken". Abgeschlossen werden diese Thesen durch sechs den Pflanzen zuzuerkennende Anspruchsrechte. Am 6. September wurden sie in Rheinau der Öffentlichkeit vorgestellt, als "Rheinauer Thesen zu Rechten von Pflanzen". Unermüdliche Treibkraft des Projektes war Florianne. Sie finden darum die Thesen im Schlusskapitel des "Pflanzenpalavers".

Soviel zur Einführung. Jetzt freue ich mich mit Ihnen auf die Stimme und auf den Vortrag von Florianne.


 
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